Das falsche ICH
- Alexandra Ueberschär

- 19. März
- 3 Min. Lesezeit
Warum wir unser ICH hinterfragen sollten.
Nichts geht uns leichter über die Lippen als das Wörtchen „ich“. Drei Buchstaben, die ein ganzes Universum andeuten. Das, was wir normalerweise als ICH wahrnehmen, hat eine einzigartige Geschichte und besitzt Gedanken, Körper und Gefühle. Es ist ein ICH, umgeben von anderen, die nicht dieses bestimmte ICH sind.
Es fühlt sich absolut normal an, ein ICH zu sein.
Doch woher kommt diese scheinbar einzig wahre Wirklichkeit?
Was in uns hat dieses ICH?
Von wo steigt dieses Konzept eines getrennten, bestimmten Wesens empor?
Aus dem Verstand.
Unser Verstand erschafft in seinen alles voneinander säuberlich trennenden, bewertenden und Sinn, Wert und Norm erschaffenden Gedankenkonstruktioenn eine ganze Realität – eine Realität, an die er selbst eifrig glaubt und die er fortwährend bestätigt. Er erschafft sich darin eine gesicherte Existenz, das ICH, denn ohne den Glauben an sich selbst würde kein Gedanke überleben.
Die Grenzen des denkenden Ichs
Das gedankenbasierte ICH weiß nichts von Gott, von Ungetrenntheit, von spirituellen Dimensionen der Vereinigung, von Ewigkeit, Gleichzeitigkeit, Paradoxien oder vom Nichts.
Zen-Koans frustrieren es oder lassen es für einen Moment seine eigene Begrenztheit erkennen, da sie eine andere Intelligenz ansprechen als die, auf die es sich stützt.
Koan-Beispiele:
Wer bist du, bevor du „Ich“ sagst?
Wenn du aufhörst zu suchen – wo findest du dann dich selbst?
Was ist die Existenz deines eigenen Geistes?
Das ICH rettet sich in Stolz, Rationalisierung, Abwehr und vor allem in Ablenkung. Diese kann sehr unterschiedlich ausfallen. Je nach Charakter-Fixierung (ein Begriff aus der Enneagramm-Lehre - siehe nächster Blog) kann es zum Beispiel die automatisierte, Distanz schaffende Analyse sein, die Flucht in Geselligkeit oder ein eiliger Drink.
Den Geist beobachten lernen
Wir leben in einer Kultur, in der der Denker sich zum Herrscher erklärt hat. Es gibt nur wenige Menschen, die ihn durch direkte Innenschau durchleuchten und es vermögen, diesen Geist zu entschleunigen und reaktionslos zu betrachten. Krishnamurti, ein indischer Philosoph und spiritueller Lehrer, sagte hierzu "Die Fähigkeit, zu beobachten, ohne zu bewerten, ist die höchste Form von Intelligenz". In einer Welt, in der die meisten stolz darauf sind, eine Meinung über alles mögliche zu haben, scheint diese Aussage exotisch.
Die spirituelle Meisterin Gangaji spricht davon, sich wie eine lauernde Katze vor das Mäuseloch zu setzen und es nicht aus den Augen zu lassen, sodass die Entstehung und das Erscheinen eines Gedankens genau beobachtet werden können. Nur so haben wir eine Chance darauf, der Entstehung der Bewertung beizuwohnen und sie geschehen zu lassen. Es ist nur ein Gedanke. Gedanken kommen und gehen wieder - außer, wir identifizieren uns mit ihnen und verwechseln uns mit dem Automaten, der sie erzeugt. Mit dieser Praxis schwindet nach und nach die Lust, ständig alles zu bewerten, denn der Vorteil für den Ich-Denker bleibt aus.
Was hinter seinem ständigen Machen und Tun erscheint, wenn er gescheitert zur Seite tritt, ist Stille und Frieden.
Einladung
Die Erforschung beginnt mit einem Innehalten.
Was geschieht, wenn wir einen Gedanken nicht sofort glauben?
Wenn wir ihn nicht weiterdenken, nicht bewerten, nicht festhalten?
Wer oder was bleibt übrig, wenn das „Ich“ für einen Moment nicht erzählt wird?
Vielleicht ist genau hier ein leiser Raum, in dem sich etwas zeigt, das jenseits von Gewohnheit und Geschichte liegt. Dadurch auch jenseits von Opfer und Täter - Identitäten.
Als Coachin erlebe ich diese Erforschung, diese Hinterfragung, diese Anzweiflung als einen enorm kraftvollen Schritt für die Menschen, die bereit sind, ihr Trauma hinter sich zu lassen. Denn diese Form von Innenschau ist in der Gegenwart verankert. Und in der Gegenwart kann die Vergangenheit vollständig losgelassen werden.
Es ist kein einmaliger Prozess, sonder die mühevolle Entwicklung einer neuen Loyalität zu dem Wunsch nach wahrer Freiheit. Zu dem Wunsch, wirklich nach Hause zu kommen. Ins innerste des Seins.
Es brauch unseren ganzen Mut.
Das, was bleibt
Während Krishnamurti uns auffordert, das ICH durch urteilsfreie Beobachtung zu
durchschauen, weist Ramana Maharshi, ein Advaita-Meister, darauf hin, dass jenseits aller Gedanken das schlichte ICH BIN als unveränderliche Wirklichkeit bleibt.
Er sagte: "Das "Ich" ist der erste Gedanke. Wenn dieser Gedanke erforscht wird, verschwinden alle anderen Gedanken."
Vielleicht ist das, was wir „Ich“ nennen, weniger ein festes Wesen als vielmehr eine fortlaufende Erzählung. Gedanken kommen und gehen. Gefühle verändern sich. Körperzustände wandeln sich. Und doch gibt es etwas, das all das bemerkt.
Etwas, das da ist, bevor ein Gedanke auftaucht – und noch da ist, wenn er wieder verschwindet. Dieses „Etwas“ lässt sich schwer greifen, nicht definieren und nicht besitzen. Es entzieht sich jeder festen Form und jeder Beschreibung. Und vielleicht ist genau das seine Qualität.Manche nennen es Bewusstsein. Andere Präsenz. Wieder andere sprechen vom wahren Selbst.
Vielleicht geht es gar nicht darum, es zu benennen.
Es reicht eine Wahrnehmung - als unmittelbare Erfahrung im jetzigen Moment.
Warum ist sowas simples kaum erreichbar?
Herzliche Grüße,
A.
PS: Falls du diese Form von Innenschau praktizieren möchtest, schreibe mir gerne und ich schicke dir ein paar unterstützende Links zu.



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